Inhaltsverzeichnis

„Hunde kommunizieren nun einmal körperlich miteinander.“

Mit diesem Argument werden im Hundetraining bis heute Methoden gerechtfertigt, bei denen Menschen Hunde bedrängen, festhalten, auf die Seite legen oder zu Boden drücken. Selbst auf Instagram wird so etwas immer wieder gezeigt, mit dem Hinweis, der Hund verstehe diese deutliche Körpersprache und sie sei zwingend notwendig. Schließlich würden Hunde untereinander in der Hundekommunikation ebenfalls Raum einnehmen, sich begrenzen und körperlich maßregeln.

Doch diese Schlussfolgerung greift zu kurz: Menschen sind keine Hunde. Wir können einzelne sichtbare Verhaltensweisen beobachten und versuchen, sie nachzuahmen. Damit imitieren wir jedoch nicht die komplexe und fein abgestimmte Kommunikation, die zwischen Hunden stattfindet.

Und nur weil ein Hund nach einer körperlichen Einwirkung aufhört, sich zu wehren oder sein Verhalten einstellt, heißt das nicht, dass er die beabsichtigte Botschaft verstanden hat. Vielleicht hat er lediglich gelernt, dass Widerstand zu noch mehr Druck führt.

Hunde unterscheiden Menschen von Artgenossen

Hunde können Menschen und andere Hunde voneinander unterscheiden. Sie behandeln uns nicht einfach wie ungewöhnlich aussehende Artgenossen.

Untersuchungen zeigen beispielsweise, dass Hunde Bilder sehr unterschiedlicher Hunderassen einer gemeinsamen Kategorie zuordnen und von Menschen sowie anderen Tierarten unterscheiden können. Auch im Gehirn werden menschliche und hündische Gesichter zumindest teilweise in voneinander unterscheidbaren Bereichen verarbeitet.

Gleichzeitig beobachten Hunde uns sehr genau. Sie achten auf unsere Blickrichtung, Körperhaltung, Bewegungen und Stimme. Sie lernen, welche Signale für sie wichtig sind und was unser Verhalten ankündigt.

So entsteht eine besondere Kommunikation zwischen Hund und Mensch. Dass Hunde menschliche Signale gut lesen können, bedeutet aber nicht, dass jede körperliche Bewegung für sie automatisch verständlich ist. Und es bedeutet erst recht nicht, dass wir Hundekommunikation nachahmen, sobald wir uns bedrohlich oder besonders körperlich verhalten.

Menschen können Hundekommunikation nicht einfach imitieren

Hündische Kommunikation besteht nicht aus einzelnen Bewegungen mit einer immer gleichen Übersetzung.

Wenn ein Hund den Weg versperrt, näher kommt oder seinen Körper anspannt, steht diese Handlung nicht für sich allein. Der andere Hund nimmt gleichzeitig seine Körperhaltung, Mimik, Blickrichtung, Bewegung, Lautäußerungen und seinen Geruch wahr. Auch der Abstand, die gemeinsame Vorgeschichte und die Signale, die der Handlung vorausgegangen sind, spielen eine Rolle.

Oft gehen einer deutlich sichtbaren körperlichen Handlung zahlreiche feinere Signale voraus. Ebenso wichtig ist die Antwort des anderen Hundes: Verlangsamt er seine Bewegung? Weicht er aus? Vergrößert er den Abstand? Erstarrt er? Droht er? Nimmt der andere Hund seinen Druck daraufhin zurück oder erhöht er ihn? Kommunikation entsteht im wechselseitigen Austausch.

Wir Menschen verfügen weder über die Anatomie noch über den vollständigen Signalapparat eines Hundes. Uns fehlen dafür nicht nur Ohren, Rute und hundetypische Mimik. Wir nehmen viele feine Signale auch gar nicht oder erst sehr spät wahr. Häufig sehen wir vor allem die auffällige Handlung am Ende einer Interaktion. Was davor passiert ist und wie genau beide Hunde aufeinander reagiert haben, übersehen wir leicht.

Wenn ein Mensch einen Hund auf den Boden drückt oder ihm den Weg versperrt, ahmt er deshalb keine vollständige hündische Kommunikation nach. Er bedrängt den Hund mit seinem menschlichen Körper.

Auch Hunde untereinander „erziehen“ sich nicht automatisch

Selbst wenn ein Hund einen anderen körperlich einschränkt, folgt daraus weder, dass die Handlung pädagogisch gemeint noch dass sie für Menschen nachahmenswert ist.

Auch zwischen Hunden gibt es Unsicherheit, Konkurrenz, Ressourcenverteidigung und Konflikte. Wenn ein Hund ausweicht oder nachgibt, kann er damit schlicht versuchen, eine Eskalation zu vermeiden. Das hat nicht automatisch etwas mit Respekt oder einer verstandenen erzieherischen Botschaft zu tun.

Natürlich vorkommendes Verhalten ist außerdem kein automatisches Qualitätsmerkmal für Training. Hunde können einander bedrohen, verletzen oder beißen. Daraus würde niemand ernsthaft ableiten, dass Menschen Hunde ebenfalls beißen sollten, um verständlich mit ihnen zu kommunizieren.

„Hunde machen das untereinander auch“ ist daher kein fachliches Argument für eine Trainingsmethode.

Ein Mensch ist für den Hund kein beliebiger Sozialpartner

Auch die Beziehung zwischen Hund und Mensch unterscheidet sich von der Beziehung zwischen zwei Hunden. Wir Menschen sind Bezugsperson und für viele Hunde gleichzeitig Bindungspartner, Sicherheitsquelle und Versorger. Wir entscheiden darüber, wann der Hund nach draußen kommt, mit wem er Kontakt haben darf und auf welche Ressourcen er zugreifen kann. Der Hund ist in vielen Bereichen seines Lebens von uns abhängig.

Forschung zur Mensch-Hund-Bindung zeigt, dass Hunde ihre Bezugsperson als sichere Basis nutzen können. Ihre Anwesenheit kann die Bereitschaft fördern, die Umwelt zu erkunden und selbstständig Aufgaben zu bearbeiten.

Wenn ausgerechnet diese Person den Hund körperlich bedrängt oder überwältigt, ist das deshalb keine gewöhnliche Auseinandersetzung zwischen zwei gleichberechtigten Sozialpartnern. Der Hund kann erleben, dass die Person, von der eigentlich Sicherheit ausgeht, plötzlich selbst bedrohlich wird.

Was der Mensch meint und was beim Hund ankommen könnte

Natürlich können wir nicht wissen, welche konkreten Gedanken ein Hund in einer solchen Situation hat. Die folgende Gegenüberstellung soll deshalb keine wörtlich nachweisbare Innenperspektive behaupten. Sie veranschaulicht, wie ein Hund die Situation möglicherweise erleben und welche Lernerfahrungen sich daraus ergeben könnten.

Der Mensch denkt vielleichtBeim Hund könnte ankommen
„Ich zeige ihm eine klare Grenze.“„Wenn ich dieses Verhalten zeige, wird der Mensch körperlich bedrohlich.“
„Er muss mich respektieren.“„Ich sollte vorsichtig sein, weil dieser Mensch mich überwältigen kann.“
„Ich sage es ihm auf hündische Art.“„Ich werde festgehalten, bedrängt und kann mich nicht frei bewegen.“
„Er akzeptiert nun meine Führung.“„Widerstand führt möglicherweise zu noch mehr Druck.“
„Jetzt hat er verstanden, dass er das nicht darf.“„Ich muss mein Verhalten einstellen, damit der Druck aufhört.“
„Jetzt hat er sich beruhigt.“„Wenn ich stillhalte oder erstarre, endet die Situation vielleicht schneller.“
„Er diskutiert nicht mehr mit mir.“„Meine Warnsignale werden nicht berücksichtigt.“
„Jetzt kennt er seinen Platz.“„Bestimmte Situationen, Berührungen oder Annäherungen sollte ich künftig vermeiden.“

Dass der Hund sein Verhalten verändert, bedeutet deshalb nicht automatisch, dass er die vom Menschen beabsichtigte Botschaft verstanden hat. Er kann ebenso gelernt haben, wie er körperlichen Druck vermeiden oder möglichst schnell beenden kann.

Stillhalten ist nicht automatisch Respekt

Nach einer körperlichen Einwirkung stellt ein Hund möglicherweise sein Verhalten ein, bewegt sich weniger oder widersetzt sich nicht mehr. Von außen kann das wie Ruhe, Unterordnung, Einsicht oder Respekt wirken. Doch die sichtbare Verhaltensänderung sagt zunächst nichts darüber aus, wie sich der Hund fühlt und was er tatsächlich gelernt hat.

Ein Hund kann aus Angst stillhalten, erstarren oder versuchen, einen Konflikt nicht weiter zu verschärfen. Vielleicht erwartet er eine weitere unangenehme Konsequenz oder hat keine Möglichkeit, sich der Situation zu entziehen. Das kann von außen ruhig und gehorsam aussehen. Ruhig aussehen und sich sicher fühlen sind jedoch nicht dasselbe. Eine Verhaltensänderung beweist weder Verständnis noch Vertrauen.

Unterdrückte Warnsignale lösen den Konflikt nicht

Knurren, Ausweichen, Abwenden, Erstarren oder Distanzvergrößerung sind hündische Kommunikation. Sie sind wichtige Hinweise darauf, dass sich ein Hund unwohl, bedrängt oder bedroht fühlt. Wird darauf mit noch mehr Druck reagiert, kann der Hund lernen, dass seine Signale nichts bewirken oder die Situation sogar verschlimmern.

Druck erzeugt Gegendruck!

Das Gefühl hinter dem Verhalten verschwindet dadurch nicht. Der Hund kann weiterhin Angst, Stress oder einen inneren Konflikt empfinden, zeigt dies aber möglicherweise weniger deutlich. Ein stiller, ruhiger Hund ist deshalb nicht zwangsläufig ein entspannter Hund. Und ein Hund, der nicht mehr knurrt, fühlt sich nicht automatisch sicherer.

Was die Forschung zu konfrontativen und aversiven Methoden zeigt

Auch die Forschung liefert keinen Grund zu der Annahme, dass körperlich konfrontative Methoden für Hunde besonders verständlich oder harmlos wären.

In einer Befragungsstudie von Herron, Shofer und Reisner aus dem Jahr 2009 wurden bei Methoden wie dem sogenannten „Alpha Roll“, körperlichem Niederdrücken, Anstarren oder Anknurren vergleichsweise häufig aggressive Reaktionen berichtet. Dazu gehörten Knurren, Schnappen und Beißen. Die Studie kann nicht zeigen, dass eine solche Methode bei jedem Hund Aggression auslöst. Sie zeigt aber, dass körperliche Konfrontation durchaus zu defensiver Gegenwehr führen kann.

Vieira de Castro und Kolleginnen verglichen 2020 Hunde aus belohnungsorientiert, gemischt und überwiegend aversiv arbeitenden Hundeschulen. Die Hunde aus den stärker aversiv arbeitenden Schulen zeigten mehr stressbezogenes Verhalten. In der überwiegend aversiv trainierten Gruppe stieg nach dem Training außerdem das Speichelcortisol stärker an als in der Belohnungsgruppe.

Sowohl in dieser Untersuchung als auch in einer Studie von Casey und Kolleginnen aus dem Jahr 2021 fanden sich Hinweise darauf, dass Hunde, die mit aversiven Methoden trainiert wurden, in unklaren Situationen zurückhaltender reagierten und eher mit einem weniger positiven Ausgang rechneten.

Diese Studien können nicht vorhersagen, welche Folgen eine einzelne Einwirkung bei einem bestimmten Hund hat. Zusammengenommen sprechen ihre Ergebnisse aber deutlich gegen die Vorstellung, körperliches Überwältigen sei eine natürliche, konfliktfreie und psychisch folgenlose Form der Kommunikation.

Körpersprache ist trotzdem wichtig

Natürlich spielt unsere Körpersprache im Umgang mit Hunden eine wichtige Rolle. Unsere Haltung, Bewegungsrichtung, Geschwindigkeit und Position im Raum wirken auf den Hund, unabhängig davon, ob wir das gerade beabsichtigen.

Das zeigt sich schon in ganz alltäglichen Situationen. Gehe ich frontal und schnell auf einen Hund zu, kann das anders auf ihn wirken, als wenn ich mich seitlich nähere, langsamer werde oder ihm Raum zum Ausweichen lasse. Auch ein Schritt in den Weg kann je nach Situation, Abstand und Erfahrung des Hundes sehr unterschiedlich wahrgenommen werden.

Wir können deshalb darauf achten, dem Hund ausreichend Raum zu lassen, uns nicht unnötig über ihn zu beugen und Annäherungen berechenbar zu gestalten. Wir können seine Distanzsignale ernst nehmen, ihm Handlungsmöglichkeiten lassen und erwünschtes Verhalten verständlich aufbauen.

Klarheit entsteht nicht dadurch, dass wir möglichst beeindruckend oder einschüchternd auftreten. Sie entsteht, wenn der Hund weiß, woran er ist, und eine faire Möglichkeit bekommt, das gewünschte Verhalten zu lernen.

Körperlicher Druck ist keine übersetzte Hundesprache

Hunde beobachten unser Verhalten sehr genau. Sie lernen, welche Bewegungen etwas ankündigen und welche Folgen ihr eigenes Verhalten hat. Das macht körperlichen Druck aber nicht zu Hundesprache.

Wenn ein Mensch einen Hund festhält oder zu Boden drückt, spricht er deshalb nicht plötzlich Hundesprache. Er übt körperlichen Druck aus. Dass der Hund daraufhin sein Verhalten verändert, beweist nicht, dass er „Respekt“ entwickelt, eine Rangordnung anerkennt oder eine soziale Botschaft verstanden hat.

Vielleicht hat der Hund verstanden, dass dieser Mensch körperlich bedrohlich werden kann und dass Stillhalten den Druck beendet. Das ist eine Lernerfahrung, aber keine gelungene Kommunikation.

Wenn du Lust auf einen Podcast zum Thema „Studien pro aversive Methoden“ hast, empfehle ich dir von Herzen den Podcast vom Treuhundbüro.

Mehr darüber, wie Missverständnisse zwischen Mensch und Hund entstehen können, liest du auch in meinem Beitrag zur Mensch-Hund-Kommunikation.

In meinem Hundetraining geht es deshalb nicht darum, Verhalten durch Druck zu unterdrücken. Mir ist wichtig, genauer hinzusehen, Signale ernst zu nehmen, fair zu kommunizieren und gemeinsam Lösungen zu entwickeln, die für dich und deinen Hund im Alltag funktionieren.

Quellen

Autier-Dérian, D., Deputte, B. L., Chalvet-Monfray, K., Coulon, M. & Mounier, L. (2013). Visual discrimination of species in dogs (Canis familiaris). Animal Cognition, 16(4), 637–651.
https://doi.org/10.1007/s10071-013-0600-8

Casey, R. A., Naj-Oleari, M., Campbell, S., Mendl, M. & Blackwell, E. J. (2021). Dogs are more pessimistic if their owners use two or more aversive training methods. Scientific Reports, 11, 19023.
https://doi.org/10.1038/s41598-021-97743-0

Herron, M. E., Shofer, F. S. & Reisner, I. R. (2009). Survey of the use and outcome of confrontational and non-confrontational training methods in client-owned dogs showing undesired behaviors. Applied Animal Behaviour Science, 117(1–2), 47–54.
https://doi.org/10.1016/j.applanim.2008.12.011

Horn, L., Huber, L. & Range, F. (2013). The importance of the secure base effect for domestic dogs – Evidence from a manipulative problem-solving task. PLOS ONE, 8(5), e65296.
https://doi.org/10.1371/journal.pone.0065296

Ogura, T., Maki, M., Nagata, S. & Nakamura, S. (2020). Dogs (Canis familiaris) gaze at our hands: A preliminary eye-tracker experiment on selective attention in dogs. Animals, 10(5), 755.
https://doi.org/10.3390/ani10050755

Thompkins, A. M., Deshpande, G., Waggoner, P. & Katz, J. S. (2018). Separate brain areas for processing human and dog faces as revealed by awake fMRI in dogs (Canis familiaris). Learning & Behavior, 46, 561–573.
https://doi.org/10.3758/s13420-018-0352-z

Vieira de Castro, A. C., Fuchs, D., Morello, G. M., Pastur, S., de Sousa, L. & Olsson, I. A. S. (2020). Does training method matter? Evidence for the negative impact of aversive-based methods on companion dog welfare. PLOS ONE, 15(12), e0225023.
https://doi.org/10.1371/journal.pone.0225023

Titelfoto von Pexels

Hundeernährungsberatung, Hundetraining, Münster, online

Schön, dass du da bist!

Ich bin Janina, Ernährungsberaterin für Hunde und angehende Hundetrainerin.

Durch meine eigenen Hunde habe ich gelernt, dass das echte Leben mit Hund selten so aussieht wie auf Instagram. Für mich geht es nicht um Perfektion, sondern um ehrliche Momente, individuelle Bedürfnisse, faire Erwartungen und darum, den eigenen Hund wirklich zu verstehen.

Wenn du Lust auf unaufgeregte Informationen rund um Hundeernährung, Hundetraining und den Alltag mit Hund hast, bist du hier genau richtig.

Schön, dass du hier bist. Wenn du Fragen hast, schreib mir gern.