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Rein positives Hundetraining funktioniert nicht.“ Diesen Satz höre und lese ich immer wieder. Und ehrlich gesagt: Ich stimme ihm sogar zu, denn rein positives Hundetraining gibt es gar nicht.

Trotzdem wird dieser Begriff häufig verwendet, um belohnungsbasiertes Hundetraining als naiv oder realitätsfern darzustellen. Es entsteht das Bild eines Trainings, in dem Hunde alles dürfen, jedes Verhalten mit Leckerchen belohnt wird und Grenzen grundsätzlich fehlen.

Genau so funktioniert belohnungsbasiertes Hundetraining aber nicht. Dieses Bild hat mit belohnungsbasiertem Hundetraining wenig zu tun.

Was bedeutet belohnungsbasiertes Hundetraining?

Belohnungsbasiertes Training beginnt für mich nicht mit der Frage: Wie verhindere ich dieses Verhalten?, sondern mit einer anderen Frage:

Welches Verhalten möchte ich stattdessen häufiger sehen?

Genau dieses Verhalten wird aufgebaut und verstärkt. Das ist ein grundlegendes Prinzip der Lerntheorie: Verhalten, das sich für den Hund lohnt, wird mit größerer Wahrscheinlichkeit wieder gezeigt.

Wenn mein Hund sich bei einer Hundebegegnung an mir orientiert und sich dieses Verhalten lohnt, wird er sich künftig eher wieder an mir orientieren. Läuft er an lockerer Leine und kommt dadurch schneller dorthin, wo er schnüffeln möchte, wird auch dieses Verhalten wahrscheinlicher.

Deshalb liegt der Schwerpunkt im belohnungsbasierten Training darauf, erwünschtes Verhalten systematisch aufzubauen, anstatt sich hauptsächlich mit dem Verhalten zu beschäftigen, das der Hund nicht zeigen soll.

Warum der Begriff „rein positives Hundetraining“ fachlich falsch ist

Im Alltag verbinden wir das Wort „positiv“ meist mit etwas Gutem oder Freundlichem. In der Lerntheorie bedeutet „positiv“ jedoch lediglich, dass etwas hinzugefügt wird. „Negativ“ bedeutet, dass etwas entfernt wird.

Auch eine positive Strafe ist deshalb lerntheoretisch „positiv“, weil dem Hund ein Reiz hinzugefügt wird. Schon deshalb beschreibt der Begriff „rein positiv“ nicht sinnvoll, worüber eigentlich gesprochen wird. Dafür gibt es bereits passende Begriffe, etwa belohnungsbasiertesgewaltfreies oder bedürfnisorientiertes Hundetraining.

Ob eine Konsequenz als Verstärkung oder als Strafe eingeordnet wird, hängt davon ab, wie der Hund es empfindet und wie sich das Verhalten danach entwickelt:

  • Verstärkung führt dazu, dass ein Verhalten künftig häufiger auftritt.
  • Strafe führt dazu, dass ein Verhalten künftig seltener auftritt.

Wie belohnungsbasiertes Hundetraining lerntheoretisch einzuordnen ist und welche Rolle die vier Quadranten der operanten Konditionierung dabei spielen, habe ich im Beitrag Belohnungsbasiertes Hundetraining: Mehr als Leckerchen und Missverständnisse ausführlicher erklärt.

„Rein positiv“ ist häufig keine Selbstbezeichnung

Der Begriff wird vor allem von Menschen verwendet, die belohnungsbasiertes Training kritisieren. Dann heißt es beispielsweise: „Rein positiv funktioniert bei schwierigen Hunden nicht.“ „Man kann einen Hund nicht immer nur mit Leckerchen bestechen.“ „Hunde brauchen klare Grenzen und nicht nur Belohnungen.“

Damit wird eine Form des Trainings beschrieben, die die meisten belohnungsbasiert arbeitenden Trainer:innen gar nicht vertreten. Belohnungsbasiertes Training bedeutet nicht, dass ein Hund immer bekommt, was er möchte, dass unerwünschtes Verhalten einfach laufen gelassen wird und dass der Hund niemals Frust erlebt. Natürlich gibt es Grenzen.

Die entscheidende Frage ist, wie sie gesetzt werden.

Genau an diesem Punkt orientieren sich viele Trainer:innen am LIMA-Prinzip (Least Intrusive, Minimally Aversive). Dahinter steckt ein einfacher Gedanke: Es soll immer die am wenigsten belastende und gleichzeitig wirksame Maßnahme gewählt werden. Bevor stärker eingreifende Methoden überhaupt in Betracht gezogen werden, werden zunächst Management, Training, positive Verstärkung und andere möglichst wenig aversive Möglichkeiten ausgeschöpft.

Für mich lassen sich die Grundgedanken von LIMA auf zwei Fragen reduzieren:

  • Ist diese Maßnahme wirklich notwendig?
  • Gibt es einen weniger belastenden Weg, das gleiche Ziel zu erreichen?

Das ist für mich einer der wichtigsten Unterschiede zwischen belohnungsbasiertem und aversivem Training.

Wie Grenzen im belohnungsbasierten Training vermittelt werden

Eine Grenze wird nicht erst dadurch vermittelt, dass ein Mensch ein Verhalten unterbricht oder „Nein“ sagt. Damit ein Hund sie einhalten kann, muss er verstehen, welches Verhalten stattdessen von ihm erwartet wird.

Management schafft zunächst die Bedingungen, unter denen Lernen überhaupt möglich wird. Das gewünschte Verhalten wird kleinschrittig aufgebaut und unter steigender Ablenkung gefestigt. Schauen wir uns das mal an:

Management ermöglicht Lernen

Management wird häufig missverstanden. Manche sehen darin lediglich das Vermeiden schwieriger Situationen oder das Unterdrücken von Problemen. Tatsächlich schafft Management oft erst die Voraussetzungen dafür, dass Lernen überhaupt möglich wird. Es verhindert, dass sich unerwünschtes Verhalten immer wieder für den Hund lohnt und sich verfestigt oder der Hund sich selbst oder andere gefährdet.

Eine Leine verhindert, dass der Hund auf die Straße läuft. Ein Kindergitter kann verhindern, dass er Besuch anspringt. Ausreichend Abstand zu anderen Hunden kann dafür sorgen, dass ein Hund überhaupt noch ansprechbar bleibt. Auch das Wegstellen von Essen oder das Vermeiden einer noch zu schwierigen Trainingssituation gehört zum Management, genauso wie Abstand in Hundebegegnungen.

Management unterstützt das Training. Es verschafft Zeit, schützt alle Beteiligten und verhindert, dass unerwünschtes Verhalten immer wieder geübt wird. Stattdessen wird Platz für positive Lernerfahrungen geschaffen.

Der Hund muss lernen, was er stattdessen tun soll

Damit ein Hund eine Grenze einhalten kann, muss er das gewünschte Verhalten zuerst lernen. Von einem Hund zu erwarten, dass er bei starkem Reizniveau ruhig bleibt, obwohl er das Verhalten bisher nur ohne Ablenkung gezeigt hat, ist kein faires Training. Es ist eine zu hohe Anforderung.

Deshalb wird das gewünschte Verhalten gezielt aufgebaut. Der Hund bekommt viele Gelegenheiten, es unter einfachen Bedingungen zu üben und dafür verstärkt zu werden. Erst wenn das zuverlässig funktioniert, steigt nach und nach die Schwierigkeit. Wird die Situation zu schwierig, wird der Trainingsschritt wieder leichter gemacht.
Eine Grenze wird also nicht erst in der schwierigsten Situation eingefordert. Der Hund wird vorher darauf vorbereitet.

Belohnungsbasiertes Training bedeutet deshalb nicht, unerwünschtes Verhalten einfach zu ignorieren. Vielmehr wird dem Hund gezeigt, welches Verhalten sich stattdessen lohnt.

Verhalten hat einen Grund

Belohnungsbasiertes Training wird häufig auf Leckerchen reduziert oder so verstanden, als müsse jedes Bedürfnis und jeder Wunsch des Hundes sofort erfüllt werden. Auch das ist falsch und so nicht gemeint. Tatsächlich gehört deutlich mehr dazu. Ein sichtbares Verhalten zu unterdrücken, ist oft vergleichsweise einfach. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, zu verstehen, warum der Hund dieses Verhalten zeigt, und ihm einen anderen Weg aufzuzeigen. Genau dafür braucht es Können und Fachwissen.

Wenn ein Hund ein Verhalten zeigt, frage ich mich nicht nur, wie ich es verändern kann, sondern auch, warum er es zeigt.

Bedürfnisorientierung bedeutet, dass wir schauen, welches Bedürfnis hinter einem Verhalten steht und wie es in einem passenden Rahmen erfüllt werden kann. Das Bedürfnis wird nicht als Problem behandelt. Beispiel: Wenn ein Hund an der Leine zieht frage ich mich, warum er an der Leine zieht. Ist seine Erregung zu hoch? Ist er ängstlich und/oder unsicher? Ist er ein junger Hund und/oder (noch) nicht ausreichend trainiert? Würde ich hier mit positiver Strafe (z. B. Blocken, Leinenruck) arbeiten, würde ich das zugrundeliegende Problem nicht bearbeiten, sondern nur Symptombekämpfung betreiben.

Das bedeutet nicht, dass jedes Verhalten akzeptiert wird. Es bedeutet, die Ursache zu verstehen, um dem Hund einen anderen Weg zu zeigen, sein Bedürfnis zu erfüllen. Das Verhalten wird also nicht losgelöst von seinem Hintergrund betrachtet.

Welche Rolle spielt negative Strafe?

Positive Verstärkung steht im Mittelpunkt des belohnungsbasierten Trainings. Negative Strafe kann aber ebenfalls vorkommen. Dabei wird dem Hund etwas Angenehmes entzogen, wodurch ein Verhalten künftig seltener wird. Wird ein Spiel beispielsweise wegen zu groben Verhaltens kurz beendet, kann das negative Strafe sein. Zieht ein Hund beispielsweise an der Leine und kommt dadurch nicht mehr weiter, wird ihm der Zugang zu seinem Ziel vorübergehend genommen. Springt er einen Menschen an und dieser dreht sich weg, kann auch die Aufmerksamkeit entzogen werden.

Außerdem gibt es noch die Verhaltensunterbrechung. Hier muss man beachten, dass nicht jede Verhaltensunterbrechung automatisch eine negative Strafe ist. Das kann sie, muss aber nicht. Wichtig ist hierbei wie, wodurch und mit welchen emotionalen und funktionalen Folgen das Verhalten unterbrochen worden ist. Ob eine Maßnahme also als negative Strafe wirkt, entscheidet nicht der Mensch, sondern das Verhalten des Hundes. .

Auch negative Strafe ist nicht automatisch fair oder harmlos. Sie kann Frust auslösen und sollte deshalb nicht im Mittelpunkt stehen. Entscheidend bleibt, dem Hund zu zeigen, welches Verhalten zum Erfolg führt.

Es gilt immer das genannte Prinzip: Wähle die am wenigsten belastende und gleichzeitig wirksame Maßnahme.

Notfälle sind kein Training

Ein häufiges Argument lautet, dass positive Strafe notwendig sei, wenn ein Hund beispielsweise auf die Straße rennt oder einen anderen Hund angreift. Ja, es kann Situationen geben, in denen ein Mensch körperlich eingreifen muss, um eine Gefahr abzuwenden.

Ein solcher Notfall ist jedoch keine Trainingsmethode. In diesem Moment geht es ausschließlich um Sicherheit und nicht darum, dem Hund durch einen unangenehmen Reiz etwas beizubringen.

Das eigentliche Training beginnt danach. Dann frage ich mich, warum es überhaupt zu dieser Situation gekommen ist, welches Verhalten der Hund stattdessen lernen soll und wie ich dieses Verhalten kleinschrittig aufbauen kann. Bis dahin sorgt Management dafür, dass sich eine vergleichbare Situation möglichst nicht wiederholt.

Belohnungsbasiertes Training ist mehr als Belohnen

Belohnungsbasiertes Training bedeutet nicht, wahllos Leckerchen zu verteilen. Es verbindet positive Verstärkung mit Management, dem Aufbau von Alternativverhalten, kleinschrittigem Lernen, klaren Rahmenbedingungen und der Berücksichtigung der Bedürfnisse des Hundes. Außerdem gibt es so viel mehr an positiver Verstärkung, als Leckerchen. Hier entscheidet der Hund, was er gut findet und was nicht.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich mit dem Begriff „rein positiv“ wenig anfangen kann. Er beschreibt weder die Lerntheorie noch das, worauf belohnungsbasiertes Hundetraining in der Praxis basiert. Häufig wird damit eine Position kritisiert, die die meisten Trainer:innen gar nicht vertreten.

Es ist ein Training, das den Schwerpunkt darauf legt, den Hund zu verstehen und ihm zu zeigen, was er tun soll, und nicht nur darauf, was er lassen soll. Und genau darin liegt für mich die eigentliche Herausforderung, denn dafür braucht es Wissen, Erfahrung und oft auch Kreativität.

Titelfoto: Alexas Fotos

Hundeernährungsberatung, Hundetraining, Münster, online

Schön, dass du da bist!

Ich bin Janina, Ernährungsberaterin für Hunde und angehende Hundetrainerin.

Durch meine eigenen Hunde habe ich gelernt, dass das echte Leben mit Hund selten so aussieht wie auf Instagram. Für mich geht es nicht um Perfektion, sondern um ehrliche Momente, individuelle Bedürfnisse, faire Erwartungen und darum, den eigenen Hund wirklich zu verstehen.

Wenn du Lust auf unaufgeregte Informationen rund um Hundeernährung, Hundetraining und den Alltag mit Hund hast, bist du hier genau richtig.

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