Zu Hause klappt das Sitz. Im Garten meistens auch. Auf dem Spaziergang kommt ein anderer Hund entgegen und plötzlich scheint dein Hund das Signal noch nie gehört zu haben. Und dann denkst du dir „Aber der kann das doch!“ Und ja, vielleicht kann er es, aber wahrscheinlich noch nicht unter diesen Bedingungen. Lass mich dir das Verhalten genauer erklären.
Zu Hause gelernt heißt nicht überall verstanden
Hunde übertragen Gelerntes nicht automatisch auf jede Situation. Das muss kleinschnittig erlernt werden. Wenn dein Hund „Sitz“ in der Küche gelernt hat, hat er zunächst gelernt, sich unter ganz bestimmten Bedingungen hinzusetzen. Dort ist es ruhig, die Umgebung ist bekannt und es passiert wahrscheinlich nicht besonders viel.
Draußen hingegen sieht das anders aus. Da sind Gerüche, Geräusche, Menschen, andere Hunde, Fahrräder, Wildspuren oder einfach Orte, die dein Hund noch nicht kennt. Das gleiche Signal kann dort plötzlich deutlich schwieriger sein. Für uns bleibt „Sitz“ immer „Sitz“. Für den Hund verändert sich aber die gesamte Situation drumherum. Der Kontext ist ein anderer.
Je mehr passiert, desto schwieriger kann es werden
Stell dir vor, dein Hund kann an einer ruhigen Straßenecke problemlos sitzen. Jetzt steht 20 Meter entfernt ein anderer Hund. Hier funktioniert das Signal vielleicht noch. Vielleicht auch noch nach zehn Metern. Bei fünf Metern klappt es nicht mehr. Dein Hund hat hier das Signal nicht vergessen, die Situation ist für ihn nur deutlich schwieriger geworden. Auch ein interessanter Geruch, Wild, eine neue Umgebung oder viele Menschen können dazu führen, dass dein Hund schlechter auf bekannte Signale reagiert.
Auch der Zustand deines Hundes spielt mit rein
Dein Hund kann ein Signal kennen und trotzdem gerade nicht gut darauf reagieren. Ist er sehr aufgeregt, unsicher, frustriert oder stark mit etwas anderem beschäftigt, verändert das seine Möglichkeiten. Manchmal ist auch etwas anderes schlicht interessanter. Manchmal ist die Ablenkung zu groß. Manchmal wurde genau diese Situation noch nie trainiert.
Deshalb würde ich ein nicht ausgeführtes Signal nicht als „Ignoranz“ oder „Sturheit“ beurteilen.
Lies dazu auch: Mein Hund manipuliert mich – stimmt das wirklich?
Genau deshalb braucht es Generalisierung
Wenn ein Verhalten an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Situationen funktionieren soll, muss es auch dort geübt werden. Dafür gibt es den Begriff Generalisierung. Das klingt komplizierter, als es ist.
Generalisierung bedeutet einfach gesagt: Ein Verhalten, das zu Hause sicher klappt, wird nach und nach an anderen Orten trainiert. Erst dort, wo wenig passiert und wenig Ablenkung herrscht. Die Schwierigkeiten und Ablenkungen werden nach und nach gesteigert, wenn dein Hund die vorherige Stufe sicher beherrscht.
Wenn dein Hund das Sitz bisher hauptsächlich im Wohnzimmer, im Garten und auf ruhigen Wegen geübt hat, ist ein Sitz wenige Meter neben einem fremden Hund einfach ein ganz anderer Schwierigkeitsgrad.
„Sitz. Sitz! SITZ!“ macht die Situation nicht leichter
Wenn ein Signal nicht funktioniert, neigen wir schnell dazu, es noch einmal zu sagen. Und noch einmal. Und irgendwann etwas lauter und strenger.
Das Problem an der Sache: Die Ablenkung ist dadurch immer noch da. Wenn dein Hund die Aufgabe in diesem Moment nicht schafft, hilft Wiederholen meistens nicht weiter. Im Gegenteil: Er erlebt dann immer wieder, dass dein Signal fällt, ohne dass das entsprechende Verhalten folgt. Ich würde das Signal in diesem Fall nicht wiederholen.
Ich würde an dieser Stelle eher überlegen, was gerade zu schwierig ist.
Training darf einfacher werden
Wenn etwas nicht funktioniert, muss das Training erst einmal leichter werden. Nicht der Hund macht einen Fehler, sondern wir Menschen stellen zu hohe Anforderungen an ihn. Er kann die Aufgabe einfach noch nicht bewältigen. Und es ist unfair von uns, wenn wir das von ihm verlangen.
Wir müssen also einen Schritt zurückgehen und herausfinden, in welcher Situation der Hund das Signal noch ausführen kann. Das kann bedeuten, den Abstand zu vergrößern, weniger Ablenkung zu wählen oder ein Verhalten abzufragen, das in dieser Situation schon besser funktioniert.
Und manchmal muss man auch gar nichts abfragen. Gerade draußen entsteht schnell das Gefühl, der Hund müsse ständig auf Signale reagieren. Dabei kann es fürs Training sinnvoller sein, eine schwierige Situation erst einmal so zu gestalten, dass der Hund überhaupt wieder ansprechbar wird.
Kann er es wirklich oder kann er es nur unter bestimmten Bedingungen?
Das ist für mich die eigentliche Frage. Wir Menschen gehen häufig einfach davon aus, dass ein Hund das Signal verstanden haben und überall umsetzen müsste, schließlich haben wir es zu Hause (unter reizarmen Bedingungen!) mit ihm geübt.
Wir setzen einfach etwas voraus, ohne wirklich zu wissen, wann er das Signal umsetzen kann. Oft hat ein Hund ein Signal zwar verstanden, aber nur im jeweiligen Kontext. Es wurde nicht weiter unter unterschiedlichen Bedingungen und Schweregraden aufgebaut und gefestigt.
Wenn dein Hund also aus deiner Sicht etwas „eigentlich kann“, es draußen aber nicht zeigt, würde ich weniger darüber nachdenken, ob er gerade nicht will. Ich würde schauen, was an dieser Situation schwieriger ist als an den Situationen, in denen es schon klappt.
Da liegt der nächste Trainingsschritt.
Außerdem würde ich mich grundsätzlich fragen, ob ein Signal wirklich notwendig ist oder ob ich einfach den Anspruch habe, dass er es können sollte. Wenn ersteres der Fall ist, dann gilt es natürlich, das Signal zu trainieren. Wenn ich aber für mich den Anspruch habe, dass der Hund ein bestimmtes Signal ausüben soll, weil ich es will, obwohl es gar nicht notwendig ist, würde ich nochmal in mich gehen und reflektieren.
Ich empfehle dir zum Schluss diesen Artikel: Belohnungsbasiertes Hundetraining: Mehr als Leckerchen und Missverständnisse
Titelbild: 🌸♡💙♡🌸 Julita 🌸♡💙♡🌸




