Wenn im Zusammenhang mit Hundetraining von Gewalt gesprochen wird, entstehen schnell sehr unterschiedliche Bilder: Die einen denken an Schlagen, Treten oder andere offensichtliche körperliche Übergriffe. Andere verwenden den Begriff deutlich weiter und beziehen auch Einschüchterung, körperlichen Zwang oder das bewusste Erzeugen von Angst mit ein.
Aber was bedeutet „Gewalt“ eigentlich?
Leider gibt es nicht die eine allgemeingültige Definition von Gewalt. Je nach Fachgebiet und Kontext wird der Begriff unterschiedlich verwendet. Gerade deshalb möchte ich den Begriff klären, bevor wir darüber sprechen, wann Hundetraining gewaltsam wird.
Was bedeutet Gewalt?
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Gewalt als den absichtlichen Einsatz körperlicher Kraft oder Macht – angedroht oder tatsächlich – gegen sich selbst, eine andere Person oder eine Gruppe bzw. Gemeinschaft, wenn daraus Verletzungen, Tod, psychische Schäden, Fehlentwicklung oder Deprivation (das Vorenthalten oder der Entzug grundlegender Bedürfnisse) entstehen oder mit hoher Wahrscheinlichkeit entstehen können.
An dieser Definition sind aus meiner Sicht zwei Punkte besonders wichtig: Gewalt wird hier nicht ausschließlich über körperliche Kraft definiert. Auch Macht spielt eine Rolle. Gleichzeitig müssen die möglichen Folgen nicht zwangsläufig sichtbare körperliche Verletzungen sein. Auch psychische Schäden werden ausdrücklich berücksichtigt.
Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt Gewalt allgemein als den Einsatz von physischem oder psychischem Zwang gegenüber Menschen sowie die physische Einwirkung auf Tiere oder Sachen. In der soziologischen Definition geht es außerdem darum, mit physischen oder psychischen Mitteln jemanden zu schädigen oder gegen seinen Willen dem eigenen Willen zu unterwerfen.
An anderer Stelle beschreibt die Bundeszentrale für politische Bildung Gewalt noch weiter gefasst als physische und/oder psychische Handlung, die darauf gerichtet ist, Menschen, Lebewesen, Naturgüter oder Sachen in ihrer Unversehrtheit zu verletzen oder zu beschädigen. Dabei wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass für die Bewertung nicht nur die Absicht des Handelnden relevant ist, sondern auch die Wahrnehmung und die Folgen für das Gegenüber.
Auch im Duden findet sich Gewalt unter anderem als gegen jemanden oder etwas angewendete physische oder psychische Kraft, mit der etwas erreicht werden soll. Darüber hinaus tauchen im Bedeutungsfeld Begriffe wie Macht, Herrschaft und Zwang auf.
Schon an diesen Definitionen wird deutlich:
Gewalt beginnt nicht zwangsläufig erst dort, wo jemand sichtbar körperlich verletzt wird.
Zusammengenommen zeigen diese Definitionen, dass Gewalt keineswegs ausschließlich über körperliche Verletzungen beschrieben wird. Je nach Definition spielen auch Macht, Zwang, psychische Einwirkungen und mögliche Schädigungen eine Rolle.
Gewalt ist nicht nur körperlich
Das ist ein Punkt, der mir auch aus meiner Arbeit als Sozialarbeiterin sehr vertraut ist.
Wenn wir über Gewalt gegenüber Menschen sprechen, denken wir längst nicht ausschließlich an Schläge oder andere körperliche Verletzungen. Auch Einschüchterung, Drohungen, psychischer Druck, Kontrolle oder das Ausnutzen eines Machtgefälles können für Menschen hoch belastend sein.
Menschen reagieren darauf unterschiedlich: Manche ziehen sich zurück, vermeiden zunehmend Situationen und/oder Konflikte, reagieren ängstlich und/oder angespannt. Manch andere Menschen reagieren offensiver, werden wütend und/oder aggressiv und versuchen darüber die Kontrolle zurückzugewinnen.
Das Verhalten, das wir von außen beobachten, ist zunächst einmal nur das sichtbare Ergebnis. Hinter dem Verhalten können Gefühle wie Angst, Unsicherheit, Stress oder Ohnmacht/Hilfslosigkeit stehen.
Gerade in der Sozialen Arbeit ist deshalb die Frage nach Machtverhältnissen wichtig. Wer kann Entscheidungen treffen? Wer verfügt über Ressourcen? Wer kann eine Situation verlassen? Wer kann Konsequenzen bestimmen? Und welche Möglichkeiten hat die andere Person überhaupt, sich einer Situation zu entziehen?
Dort wo Macht besteht, entsteht Verantwortung dafür, wie diese Macht eingesetzt wird.
Und was hat das mit Hunden zu tun?
Vielleicht fragst du dich jetzt, was das alles mit Hunden zu tun hat. Ich erkläre es dir. Natürlich lässt sich menschliches Erleben nicht einfach eins zu eins auf Hunde übertragen. Menschen und Hunde unterscheiden sich in ihrer Wahrnehmung, ihren kognitiven Möglichkeiten und in der Art, wie sie Situationen einordnen.
Trotzdem sind Angst, Stress, Bedrohung, Schmerz und Kontrollverlust keine ausschließlich menschlichen Phänomene. Auch Hunde reagieren auf Situationen, die sie als bedrohlich oder unangenehm erleben.
Sie können versuchen, Abstand herzustellen. Sie können ausweichen oder flüchten, erstarren, sich klein machen, sehr passiv werden oder Verhalten zeigen, mit dem sie versuchen, eine Situation zu entschärfen. Andere Hunde reagieren offensiver, bellen, knurren oder gehen nach vorne. Das alles kann mit negativen Gefühlen einhergehen.
Und Hunde lernen. Ein Hund kann lernen, welche Situationen unangenehme Konsequenzen ankündigen. Er kann lernen, welche Bewegungen eines Menschen Schmerz oder Bedrohung vorhersagen und welche Orte, Gegenstände oder Menschen mit unangenehmen Erfahrungen zusammenhängen.
Deshalb sollten wir (unerwünschtes) Verhalten nicht ausschließlich danach beurteilen, ob es anschließend verschwunden ist. Nur weil ein Hund ein Verhalten nicht mehr zeigt, heißt es nicht, dass er sich sicher und gut fühlt. Manchmal hat er einfach gelernt, welche Konsequenzen drohen, wenn er ein bestimmtes Verhalten zeigt.
Das Machtgefälle zwischen Mensch und Hund
Ich habe eben das Machtgefälle erwähnt. Auch zwischen Menschen und Hunden besteht ein deutliches Machtgefälle.
Wir entscheiden in sehr vielen Bereichen über ihr Leben. Wir entscheiden, wann sie nach draußen gehen, wo sie sich bewegen dürfen, wann sie sich lösen dürfen, mit wem sie Kontakt haben, was sie wann fressen, wann sie ruhen können, ob sie an einer Leine geführt werden, welche Situationen sie verlassen dürfen und welche nicht. Die Liste ließe sich noch fortführen.
Dieses Machtgefälle lässt sich im Zusammenleben mit einem Hund auch gar nicht vollständig vermeiden. Wir tragen Verantwortung für ihn und müssen Entscheidungen treffen. Das ist zunächst völlig normal und in Ordnung.
Die entscheidende Frage ist für mich daher nicht, ob wir Einfluss auf unseren Hund nehmen, sondern wie.
Nutzen wir körperliche Überlegenheit, Schmerz, Angst oder Einschüchterung, damit Verhalten unterbleibt? Oder gestalten wir Training so, dass der Hund lernen kann, welches Verhalten sich stattdessen lohnt und wie er mit einer Situation umgehen kann?
Aber Gewalt setzt doch Absicht voraus?
Ein Einwand, den ich im Zusammenhang mit Hundetraining häufig höre, lautet: Gewalt liege nur dann vor, wenn jemand dem Hund bewusst schaden wolle.
Doch so einfach ist es nicht. Man muss hier differenzieren: Es macht einen Unterschied, ob jemand absichtlich eine bestimmte Einwirkung als Mittel zur Zielerreichung einsetzt oder ob sein Ziel darin besteht, dem Gegenüber zu schaden.
Wer beispielsweise bewusst einen Leinenruck einsetzt, einen Hund körperlich bedrängt (sog. Blocken) oder ihn einschüchtert, damit er ein Verhalten beendet, handelt absichtlich. Die Einwirkung wird gezielt als Mittel eingesetzt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.
Das eigentliche Ziel kann aus Sicht des Menschen sogar positiv sein: Der Hund soll etwas lernen, ein Verhalten unterlassen oder sicherer geführt werden. Schmerz, Angst, Druck oder Einschüchterung sind dann nicht das Endziel, sie werden als Mittel zum Zweck eingesetzt, um das die gewünschte Verhaltensänderung herbeizuführen.
Eine belastende oder schädigende Wirkung muss also nicht das eigentliche Ziel einer Handlung sein. Relevant ist auch, ob sie bewusst als Mittel in Kauf genommen oder eingesetzt wird, um ein anderes Ziel zu erreichen.
Wenn „Korrektur“ nur ein anderes Wort ist
Gerade im Hundetraining finde ich Sprache interessant. Oft lese ich von
- Korrektur,
- klaren Grenze,
- Körperlicher Begrenzung,
- Raumverwaltung,
- Führung,
- Einwirkung
- oder einem Impuls.
Keiner dieser Begriffe sagt aus, was tatsächlich mit dem Hund gemacht wird. Eine „Korrektur“ kann dabei etwas völlig Unterschiedliches bedeuten. In meiner Ausbildung wurde der Begriff „Korrektur“ beispielsweise mit „Verbesserung“ übersetzt. Eine grundsätzlich schöne Formulierung, oder? Wir verbessern ein Verhalten, das ist super. Aber wie?
Ich halte es für sinnvoller, nicht nur auf die Bezeichnung einer Methode zu schauen, sondern konkret zu fragen:
Was passiert mit dem Hund? Wird Schmerz eingesetzt? Wird Angst erzeugt? Wird der Hund körperlich bedroht oder eingeschüchtert? Wird er festgehalten oder in einer Situation gehalten, obwohl er versucht, sie zu verlassen? Werden seine Möglichkeiten, Abstand herzustellen oder sich zu entziehen, bewusst eingeschränkt? Und soll genau diese unangenehme Erfahrung dafür sorgen, dass ein Verhalten zukünftig seltener auftritt?
Die Antwort auf diese Fragen sagt deutlich mehr über eine Trainingsmethode aus als ihre Bezeichnung.
Nicht jede unangenehme Erfahrung ist Gewalt
Gleichzeitig halte ich es für problematisch, den Gewaltbegriff so weit auszudehnen, dass am Ende jede unangenehme Erfahrung eines Hundes darunterfällt.
Natürlich erlebt ein Hund im Alltag Frust. Ein paar Beispiele, bei denen Frust aufkommen kann: Er darf nicht zu jedem anderen Hund laufen, muss warten. Eine Tür bleibt geschlossen. Die Leine verhindert, dass er auf eine Straße oder sonst wo hin läuft. Ein Mensch beendet ein Spiel oder verhindert ein Verhalten.
Das alles automatisch als Gewalt zu bezeichnen, würde den Begriff aus meiner Sicht so weit verwässern, dass er kaum noch sinnvoll zu verwenden wäre.
Wie ich schon schrieb, ist für mich die Frage nach den eingesetzten Mitteln und ihrer Funktion und wie Wirkung auf den Hund wichtig. Es macht einen Unterschied, ob ich verhindere, dass mein Hund auf die Straße läuft (Management) oder ob ich ihm absichtlich Schmerz zufüge, damit er zukünftig nicht mehr versucht, dorthin zu laufen.
Was passiert, wenn Angst funktioniert?
An dieser Stelle entsteht für mich eine der wichtigsten Fragen im Hundetraining: Was passiert, wenn Einschüchterungen, Druck usw. funktionieren? Denn aversive Einwirkungen können Verhalten verändern. Das bestreitet niemand. Verhalten kann dadurch weniger werden oder ganz verschwinden. Aber was macht das mit dem Hund?
Wenn ein Hund nach einer körperlichen Einwirkung nicht mehr nach vorne geht, nach einer Einschüchterung ruhig stehen bleibt oder nach einer schmerzhaften Konsequenz ein Verhalten nicht mehr zeigt, kann das von außen wie ein Trainingserfolg aussehen.
Nur weil eine Methode Verhalten verändert, wissen wir nicht, was der Hund dabei gelernt hat und was er fühlt.
Ich möchte hier nochmal einen Vergleich zum Menschen ziehen. Wenn sich ein Mensch aus Angst vor Konsequenzen zurückzieht oder keinen Widerstand mehr zeigt, würden wir daraus doch nicht automatisch schließen, dass das zugrunde liegende Problem gelöst wurde.
Warum sollte es beim Hund anders sein? Warum sollten wir beim Hund ausschließlich das sichtbare Verhalten betrachten? Wir müssen wissen, dass ein Hund, der nicht mehr reagiert, nicht automatisch entspannt ist und das ein Hund, der keinen Widerstand zeigt, sich nicht automatisch sicher fühlt.
Gewaltfrei bedeutet nicht grenzenlos
Gewaltfreies bzw. belohnungsorientiertes Hundetraining bedeutet für mich nicht, dass ein Hund alles darf, niemals begrenzt wird oder nie Frust erlebt. Darüber habe ich an anderer Stelle bereits ausführlicher geschrieben.
- „Rein positives Hundetraining“ gibt es nicht und warum der Begriff am Thema vorbeigeht
- Belohnungsbasiertes Hundetraining: Mehr als Leckerchen und Missverständnisse
- „Hunde machen das untereinander auch“ – warum körperlicher Druck keine Hundekommunikation ist
Mir geht es um etwas anderes:
Wenn wir Möglichkeiten haben, Verhalten zu verändern, ohne dafür bewusst Angst, Schmerz oder Einschüchterung einzusetzen, stellt sich für mich die Frage, warum wir genau diese Mittel zum Bestandteil unseres Trainings machen sollten. Denn Blocken, Leinendruck, Druck, scharfe Stimme uvm. können einschüchtern und Gefühle wie Angst und Hilflosigkeit und auch Schmerzen hervorrufen. Warum wird das von manchen Menschen nicht als Gewalt gesehen?
Vielleicht hilft es an dieser Stelle auch einmal zu überlegen, was es mit einem selbst machen würde, würde sich ein Mensch gegenüber einem selbst so verhalten.
Vielleicht sollten wir weniger über Begriffe und mehr über Handlungen sprechen
Die Diskussion darüber, wann genau etwas als Gewalt bezeichnet werden kann, wird vermutlich nie völlig eindeutig sein. Die genannten Definitionen zeigen aber: Gewalt ist mehr als Schläge, Tritte oder andere Formen körperlicher Verletzung. Auch psychischer Druck, Einschüchterung, Zwang, Bedrohung und der Einsatz von Macht können eine Rolle spielen. Und es geht nicht nur darum, ob man es bewusst und gezielt einsetzt. Es geht auch darum, ob man Gewalt als Mittel zum Zweck einsetzt und wie es bei dem Gegenüber wirkt und ankommt.
Aus meiner Sicht macht man es sich zu einfach, wenn solche Einwirkungen lediglich als „Korrektur“, „Impuls“, „Grenze“ oder „klare Kommunikation“ bezeichnet werden. Weder sagen die Begriffe aus, mit welchen Mitteln gearbeitet wird und was der Hund dabei erlebt, noch wird eine Handlung dadurch weniger belastend.
Wenn Schmerz, Angst, Druck, Einschüchterung oder körperlicher Zwang eingesetzt werden, sollten wir deshalb auch genau darüber sprechen und nicht nur darüber, dass ein Verhalten anschließend nicht mehr gezeigt wird.
Denn wenn wir die Macht haben, das Verhalten eines anderen Lebewesens zu beeinflussen, tragen wir auch Verantwortung dafür, wie wir diese Macht einsetzen.
Titelfoto von Son Tung Tran




