Zu Hause klappt es eigentlich ganz gut, dein Hund hört super und du bist zufrieden. Und dann geht ihr nach draußen. Plötzlich ist die Nase nur noch am Boden, ein anderer Hund taucht auf oder irgendwo bewegt sich etwas und du hast das Gefühl, dein Hund hört überhaupt nicht mehr.
„Mein Hund hört draußen nicht!“ Du verstehst die Welt nicht mehr, weil er das aus deiner Sicht doch eigentlich kann.
Draußen ist die Situation eine andere
Draußen ist die Welt eine andere, als zu Hause. Zuhause ist dein Hund in seiner gewohnten Umgebung. Er wird nicht von anderen Reizen abgelenkt, weil er alles kennt. Draußen jedoch gibt es neue, spannende Gerüche, andere Hunde, Menschen (die auch noch alle anders aussehen und sich bewegen), Fahrräder, Roller, Kinderwagen, Autos, Traktoren, unzählige laute und leise Geräusche.
All diese Dinge nimmt der Hund wahr und sind sehr interessant für ihn. Je aufregender und interessanter die Situation für deinen Hund ist, desto schwieriger ist es für ihn, auf ein Signal zu hören.
Ein Signal ist nicht automatisch überall gleich gut abrufbar. Jedes Signal muss kleinschrittig geübt werden.
Nicht ansprechbar ist nicht gleich nicht ansprechbar
Ein Hund kann aus vielen unterschiedlichen Gründen nicht gut ansprechbar sein. Beispiele:
Dein Hund sieht einen anderen Hund und ist nicht ansprechbar. Entweder möchte er zu ihm hin (Abstand verringern), ist unsicher oder möchte Abstand gewinnen.
Vielleicht schnüffelt dein Hund auch intensiv und hört währenddessen nicht. Schnüffeln gehört zum normalem Hundeverhalten. Über Gerüche nimmt der Hund seine Umwelt wahr und Informationen auf. Wenn er dann nicht hört, ist seine Information gerade extrem spannend.
Und an neuen Orten, im Urlaub, in einer fremden Stadt oder auf einem unbekannten Spazierweg klappt plötzlich nichts mehr, obwohl es auf der bekannte Runde gut funktioniert? Auch das ist erstmal normal. Eine fremde Umgebung bedeutet immer neue Gerüche, Geräusche und Bewegungen. Das ist für den Hund hoch interessant, weil alles neu ist und er die Gegend erstmal erkunden muss.
Die dahinterliegende Ursache ist völlig unterschiedlich. Doch fährt in den meisten Fällen sein Erregungssystem hoch. Hat die Erregung ein bestimmtes Level erreicht, kann er dich oft nicht mehr wahrnehmen. Das ist kein böser Wille. Du hingegen nimmst wahr, dass dein Hund nicht mehr hört.
Mein Hund hört draußen nicht: Mach die Situation leichter
Egal warum dein Hund nicht hört, wenn er gerade komplett mit seiner Umwelt beschäftigt ist, hilft es wenig, ein Signal immer wieder zu wiederholen. Klassiker sind „Stop“ oder „Komm“. Wenn er dann nicht hört, wirst du vielleicht lauter und deine Stimmung kippt ins Negative.
Einerseits bringt es nichts, andererseits besteht die Gefahr, dass das Wort für deinen Hund bedeutungslos wird. Wenn du immer wieder „Stop“ oder „Komm“ sagst und darauf nichts passiert, kennt dein Hund das Wort, aber es hat keine Bedeutung für ihn. Wenn du es dann später mit einem Signal verknüpfen willst, kann es gut sein, dass es nicht funktioniert.
Außerdem nehmen Hunde unsere Stimmungen wahr. Wenn du also schlechte Laune hast und angespannt bist, wird dein Hund das wahrnehmen und die Stimmung wahrscheinlich übernehmen.
Schau also lieber, was du verändern kannst.
Lies dazu auch diesen Artikel: „Hunde machen das untereinander auch“ – warum körperlicher Druck keine Hundekommunikation ist
Mehr Abstand
Eine Möglichkeit ist Abstand: Bei Hundebegegnungen, Wild, Fahrrädern oder anderen Auslösern kann mehr Abstand sehr hilfreich sein, den Hund in seiner Erregung so zu halten, dass er ansprechbar bleibt.
Das eigentliche Training würde dann hier beginnen, wo der Hund noch entspannt und ansprechbar bleibt. Die Entfernung ist bei jedem Hund anders. Bei dem einen können es wenige Meter sein, bei einem anderen Hund sind 50 oder mehr Meter anfangs notwendig.
Weniger verlangen und mehr Akzeptanz
Verlange auch nicht zu viel von deinem Hund. Manchmal muss man auch alle fünfe gerade sein lassen. Nicht jede Situation eignet sich für Training. Wenn dein Hund an einem neuen Ort gerade sehr beschäftigt ist und schlechter hört bzw. nicht gut ansprechbar ist, dann ist das okay. Akzeptanz hilft dabei enorm, genauso wie sich immer wieder zu sagen, dass es erstmal normales Verhalten ist.
Manchmal reicht es, gemeinsam anzukommen und die Umgebung kennenzulernen.
Schwierige Situationen nicht unnötig wiederholen
Wenn du bereits weißt, dass eine bestimmte Strecke deinen Hund jedes Mal völlig überfordert, dann laufe sie nicht immer wieder, damit er es „endlich lernt“. Dadurch verfestigen sich Lernerfahrungen und es ist schwieriger, sie zu überschreiben. Hier ist es viel wichtiger, unter leichteren Bedingungen zu üben und erst zu steigern, wenn der Hund sie bewältigen kann.
Was ist für deinen Hund gerade eine Belohnung?
Dein Hund nimmt ein Leckerli zu Hause gerne, aber draußen interessiert es ihn kein Stück? Zuhause mag er es gekrault zu werden aber draußen entzieht er sich? Das ist normal. Belohnungen haben keinen festen Wert und etwas, das in der einen Situation als Belohnung funktioniert, funktioniert in einer anderen Situation nicht.
Belohnungen für Hunde können ganz vielfältig sein. Was ein Hund als Belohnung (Verstärker) und als Strafe ansieht, entscheidet der Hund, nicht der Mensch.
Neben den klassischen Leckerli kann auch das für den Hund belohnend sein:
- Weiter schnüffeln oder weiter laufen
- Abstand bekommen
- Gemeinsames Spiel
- Beobachten dürfen
- …
Wenn dein Hund beispielsweise unbedingt an einer Stelle schnüffeln möchte, kann genau das die Belohnung dafür sein, vorher kurz mit dir mitzukommen. Das kannst du im Training nutzen.
Vielleicht interessiert dich dazu auch dieser Artikel: Belohnungsbasiertes Hundetraining: Mehr als Leckerchen und Missverständnisse
Trainiere nicht erst in der schwierigsten Situation
Viele Probleme entstehen, weil wir ein Verhalten dort trainieren wollen, wo wir es am dringendsten brauchen. Daher wird der Rückruf zum Beispiel häufig genau in dem Moment trainiert, in dem der Hund schon maximal abgelenkt ist und anschließend gesagt, dass er nicht funktioniert und der Hund einfach nicht hört. Natürlich funktioniert der Rückruf so nicht.
Ein Rückruf muss, genau wie alle anderen Signale, kleinschnittig aufgebaut werden. Erst in einer ruhigen Umgebung wie zu Hause im Wohnzimmer, dann mit einer leichten Ablenkung, dann an unterschiedlichen Orten, dann eine stärkere Ablenkung, dann schwierige Alltagssituation. Dabei wird der Rückruf immer in Situationen geübt, in denen noch kein Ernstfall eintritt.
So bekommt dein Hund überhaupt die Chance zu lernen, dass das Signal überall gilt.
Orientierung passiert auch ohne Signal
Um die Orientierung zu fördern, kannst du im Alltag viele kleine Momente belohnen: Dein Hund schaut dich von sich aus an, er wartet auf dich, er kommt zwischendurch zurück, er orientiert sich an deiner Bewegung und und und. All diese Momente sind Verhaltensweisen des Hundes, die wir sehen wollen.
Lege deinen Fokus genau darauf: Welches Verhalten zeigt der Hund schon von sich aus, das du dir wünscht? Marker und belohne das Verhalten. Dadurch wird es es öfters zeigen. Und irgendwann wird er es auch in schwierigen Situationen zeigen können.
Wann ist eine Situation gerade zu schwierig?
Das erkennst du an deinen Hund. Lerne ihn zu lesen und zu verstehen. Achte auf seine Körpersprache. Zeigt er Stressanzeichen? Kann er Leckerli noch nehmen? Kann er sich von einem Reiz lösen? Ist er gedanklich noch bei dir? Schaut er kurz zu dir? Kann er ein einfaches, gut bekanntes Signals ausführen? Hört er auf seinen Namen?
Wenn das schwierig wird, ist das Erregungslevel deines Hundes wahrscheinlich hoch oder es steigt (weiter) an. Die Situation kann gerade zu schwierig sein. Hier solltest du die Situation verändern: Bringe Ruhe rein, mache eine Pause, senke die Anforderungen und halte Abstand.
Wenn dein Hund draußen nicht reagiert
Frag dich zuerst:
- Was beschäftigt meinen Hund gerade?
- Wie aufregend ist die Situation für ihn?
- Hat er dieses Signal unter solchen Bedingungen schon gelernt?
- Ist das, was ich als Belohnung anbiete, gerade überhaupt interessant?
- Kann ich die Situation leichter machen?
Und sei dann nachsichtiger mit ihm. Dein Hund macht es nicht, um dich zu ärgern. Merke dir die Situation und überlege, wie du sie besser gestalten kannst und ob und welches Training notwendig ist. Das bringt dich weiter als dich darüber zu ärgern, dass dein Hund nicht hört.
Und zum Schluss empfehle ich dir diesen Artikel: Mensch-Hund-Kommunikation: Warum Worte allein nicht reichen
Titelfoto von Andreas Schnabl




