Kind und Hund können wunderbar miteinander aufwachsen. Gleichzeitig entstehen im Alltag immer wieder Situationen, die für beide schwierig sein können: Ein Kind möchte den Hund streicheln, obwohl er gerade schlafen will. Der Hund liegt mit einem Kauartikel im Wohnzimmer und das Kind tobt drum herum. Es gibt viele Situationen, die (Gefahren)Potential in sich haben. Deshalb ist es wichtig, an einem guten Zusammenleben zu arbeiten, denn es entsteht nicht von alleine.

Kinder können Regeln lernen und Hunde können bestimmte Situationen trainieren. Trotzdem liegt die Verantwortung dafür, dass beide sicher und möglichst entspannt miteinander leben können, immer bei den Erwachsenen.

Kinder können Regeln lernen – aber sie können nicht alles überblicken

Kinder können lernen, einen Hund beim Schlafen nicht zu stören. Sie können auch lernen, dass Futter und Kauartikel tabu sind und dass ein Hund nicht festgehalten, an ihm gezogen oder einfach umarmt wird. 

Aber Kinder sind Kinder. Je nach Alter können sie Situationen noch nicht zuverlässig einschätzen, Impulse nicht immer kontrollieren und die Körpersprache eines Hundes nicht sicher lesen. Kinder können in aufgeregten Momenten einfach Regeln vergessen – übrigens genauso wie Hunde auch.

Auch der Hund braucht Unterstützung

Genauso wenig sollte man erwarten, dass der Hund jede Situation einfach aushält. Ein Hund muss nicht akzeptieren, dass ein Kind auf ihn zuläuft, ihn festhält, beim Schlafen berührt oder ständig in seinen Rückzugsbereich kommt.  Viele Hunde zeigen lange vorher, dass ihnen eine Situation unangenehm wird.

Das erkennen wir durch

  • Abwenden,
  • Weggehen,
  • Erstarren,
  • angespannte Körperhaltung,
  • Lippenlecken,
  • Gähnen,
  • Ausweichen,
  • Whale-Eye
  • Knurren.

Das Problem dabei ist, dass diese Signale im Alltag schnell übersehen werden. Manchmal werden sie auch wahrgenommen, aber als Dominanz gegenüber dem Kind eingeschätzt und daher ignoriert oder sogar bestraft.

Übrigens sei an dieser Stelle erwähnt, dass die Dominanztheorie bei Hunden veraltet ist. Dazu findest du auf meinem Instagramkanal auch Informationen zu.

Erwachsene müssen Situationen gestalten

Wir Erwachsenen tragen die Verantwortung, Situationen so zu gestalten, dass sie für Kind und Hund gut und entspannt verlaufen und Gefahrensituationen verhindert werden.

Dazu gehört zum Beispiel:

  • den Hund beim Schlafen in Ruhe zu lassen,
  • Rückzugsorte wirklich zu schützen,
  • Futter und Kauartikel nicht unbeaufsichtigt in gemeinsamen Situationen anzubieten,
  • wilde Spielsituationen rechtzeitig zu unterbrechen,
  • enge Räume im Blick zu behalten,
  • Begegnungen nicht einfach laufen zu lassen,
  • Hund und Kind nicht unbeaufsichtigt zusammenzulassen.

Gerade in Situationen mit hoher Aufregung braucht es oft mehr Begleitung. Wie schon beschrieben, wirkt sich Aufregung auf das Erregungslevel von Kind und Hund aus. Beide können dort oft nicht mehr richtig denken und lernen und vernünftige Entscheidungen treffen. 

Rückzugsorte müssen wirklich Rückzugsorte sein

Ein Hundebett ist nur dann ein Rückzugsort, wenn der Hund dort auch tatsächlich in Ruhe gelassen wird. Das bedeutet: Wenn der Hund dort liegt, geht das Kind nicht hinterher. Der Hund wird dort nicht gestreichelt. Er wird nicht zum Spielen aufgefordert und er muss seinen Platz nicht verteidigen. Ein Rückzugsort sollte für den Hund berechenbar sein.

Der Hund muss wissen: Wenn ich hier liege, werde ich in Ruhe gelassen.

Futter, Kauartikel und Spielzeug brauchen Management

Ressourcen sind ein Bereich, bei dem Erwachsene besonders aufmerksam sein sollten. Ein Kind sollte einem Hund nicht einfach Futter, Kauartikel oder Spielzeug wegnehmen. Auch dann nicht, wenn der Hund bisher „noch nie etwas gemacht hat“. Viele Konflikte entstehen nicht plötzlich aus dem Nichts, sondern weil Situationen wiederholt unangenehm oder zu eng werden oder Signale des Hundes übersehen/übergangen werden.

Für Hunde ist Futter eine überlebenswichtige Ressource, die sie auch verteidigen. Das ist erst einmal normales hündisches Verhalten. Natürlich gibt es auch pathologisches Verhalten, aber darum geht es hier nicht. Es geht darum zu verstehen, dass Hunden nicht einfach das Futter weggenommen werden soll. Meist entstehen auch dadurch erst Ressourcenproblematiken, weil der Hund nicht sicher sein kann, sein Futter zu behalten. 

Management kann hier sehr einfach sein: Der Hund frisst in Ruhe. Kauartikel gibt es in einem geschützten Bereich. Spielzeug wird gemeinsam genutzt oder weggeräumt, wenn die Situation unübersichtlich wird. So muss weder das Kind noch der Hund ständig „richtig reagieren“.

„Der Hund muss das lernen“ reicht nicht

Natürlich kann man mit einem Hund trainieren. Man kann ruhiges Verhalten in Anwesenheit von Kindern belohnen, Rückzugsmöglichkeiten aufbauen, positive Verknüpfungen schaffen und dem Hund beibringen, sich auf einen Platz zurückzuziehen.

Aber in diesem Fall ersetzt Training kein Management. Die Verantwortung bleibt weiter bei uns Erwachsenen. Es kann immer wieder zu Situationen kommen, in denen sich der Hund bedrängt fühlt oder eine Situation als unangenehm empfindet und entsprechend reagiert.

Auch Kinder dürfen Grenzen haben

Das gilt übrigens genauso andersherum. Nicht jedes Kind möchte engen Kontakt zu einem Hund, nicht angesprungen, abgeschleckt oder verfolgt werden. Natürlich brauchen auch Kinder Schutz und klare Grenzen. Auch der Hund muss lernen, dass Kind zu respektieren. Dennoch bleibt es dabei: Wir Erwachsenen schaffen die Bedingungen dafür.

Was Kinder lernen können

Kinder können sehr wohl aktiv in ein gutes Zusammenleben einbezogen werden. Zum Beispiel mit einfachen Regeln:

  • Schlafende Hunde werden nicht gestört.
  • Beim Fressen wird der Hund in Ruhe gelassen.
  • Wir nehmen dem Hund nichts weg.
  • Wir rennen nicht kreischend auf den Hund zu.
  • Wir fragen, bevor wir Kontakt aufnehmen.
  • Wenn der Hund weggeht, lassen wir ihn gehen.
  • Knurren wird ernst genommen.

Hierbei benötigt es eine kontinuierliche Begleitung durch uns Erwachsene, die im Zweifel eingreifen, sei es für das Kind oder den Hund.

Warum Knurren wichtig ist

Wenn ein Hund knurrt, ist das keine Unart. Knurren bedeutet auch nicht, dass der Hund das Kind nicht respektiert oder das er sich dem Kind gegenüber „dominant“ verhält. Knurren ist ganz einfach Kommunikation. Der Hund teilt mit, dass ihm etwas zu viel wird. Ich übersetze das immer mit „Stop“, „Nein“ oder „Lass mich in Ruhe“.

Das Knurren sollte in keinem Fall bestraft und unterdrückt werden. Unterdrückst du Knurren, wird dein Hund diese Warnung irgendwann nicht mehr zeigen und in der Eskalationsstufe direkt ins Schnappen oder Beißen übergehen. 

Das Knurren sollte ernstgenommen und respektiert werden. 

Lies dazu auch: „Hunde machen das untereinander auch“ – warum körperlicher Druck keine Hundekommunikation ist und Mensch-Hund-Kommunikation: Warum Worte allein nicht reichen

Hund und Kind sollten niemals unbeaufsichtigt zusammen sein

Das gilt besonders für kleinere Kinder. Auch ein freundlicher, geduldiger Hund kann erschrecken, Schmerzen haben, sich bedrängt fühlen oder in einer Situation anders reagieren als sonst. Und auch ein Kind kann etwas tun, das vorher niemand erwartet hat. Das ist alles völlig normal und zu erwarten.

Aufsicht und Verantwortung bedeuten dabei mehr, als nur im gleichen Raum zu sein. Wir müssen kognitiv präsent sein und die Situation im Auge behalten, um im Fall der Fälle eingreifen zu können. Sowohl das Kind als auch der Hund müssen geschützt werden.

Sicherheit entsteht nicht durch perfekte Regeln

Im Familienalltag läuft nicht alles perfekt. Kinder vergessen Regeln und Hunde reagieren manchmal anders als erwartet. Menschen sind müde, gestresst oder unaufmerksam. Das ist völlig normal.

Genau deshalb sollte Sicherheit nicht davon abhängen, dass immer alle perfekt reagieren. Je besser der Alltag organisiert ist und Managementmaßnahmen betrieben werden (z. B. räumliche Trennung, Treppenschutzgitter etc.), desto weniger müssen schwierige Situationen überhaupt entstehen.

Wir Erwachsenen tragen die Verantwortung für die Sicherheit im Zusammenleben.
Wir alle müssen die Körpersprache des Hundes lesen können und im Blick behalten, Grenzen setzen und dafür Sorgen, dass weder Hund noch Kind überfordert werden. 

Titelfoto Foto von Bence Szemerey

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